… und das Danach

4. Februar 2008 by just4ikarus

Vor mehr als drei Monaten traf mich die Nachricht von deinem Tod wie ein Faustschlag in das scheinbar so schreckliche Leben. Nichts war noch irgendwie von Bedeutung. Alles wurde relativ. Meine Gedanken waren nur bei dir. Fragen schwirrten in meinem Kopf herum und immer dieses Fragen nach dem Warum. Warum musstest du sterben? Warum an einer so unbekannten und unterschätzten Krankheit. Du warst der Sonnenschein in unserer Familie und hast uns alle verändert. Warum du.

Heute weiß ich, dass diese Fragen nach dem Warum einfach sinnlos sind. Niemand kann mir eine Antwort geben, niemand kann je etwas sagen, um mir deinen Tod zu erklären. Du wurdest herausgerissen aus dieser Welt, aus dem Leben, aus meinem Herzen. Kein Schmerz der Welt ist vergleichbar mit jenen, den ich spürte, als du einfach weg warst.

Ich habe gesprochen, auf deinem Begräbnis. Habe meine Gefühle und meine Gedanken offenbart, vor einhundertfünfzig oder zweihundert Menschen. Doch in diesen Minuten gab es nur einen Gedanken. Ich dachte an dich, und an die gemeinsame Zeit. An das Glück, dass du uns, dass du mir gebracht hast. An den Schmerz und den Horror, den wir durchleben mussten, in den darauffolgenden Tagen nach deinem Tod.

Jetzt ist es mehr als drei Monate vorüber. Durch eine Therapie habe ich es geschafft, deinen Tod zu akzeptieren. Nein, es ist der falsche Ausdruck. Ich habe gelernt, mit der Trauer zu leben. Du fehlst mir noch jeden Tag. Jeden Tag, wenn ich in meiner Zivildiensteinsatzstelle auf dein Bild blicke. Jeden Tag, wenn die Kerze auf deinem Tisch brennt. Mehrmals die Woche, wenn ich mit deiner Großmutter an deinem Grab stehe. Du fehlst. So verdammt oft.

Was wird wohl in drei Monaten sein? Dann hättest du in nur wenige Tage darauf deinen zweiten Geburtstag gefeiert. Ich werde dann meinen Zwanzigsten feiern. Zwanzig Jahre werde ich dann alt, und immer mit dem Gedanken, dass mein Neffe nicht mal seinen zweiten Geburtstag feiern durfte. Und dann kommt ein weiteres Danach. Nach dem Zivildienst. Dann kommt das Studium, der Abschied von zuhause, ein Neuanfang. Du wirst mir immer fehlen.

Ich hoffe, es geht dir jetzt gut. Und um es mit einem Zitat aus einem Songtext zu sagen: “I know you just wanted to find the brighter side”. Ich liebe dich.

… und das etwas andere Weihnachten

24. Dezember 2007 by just4ikarus

Timi ist gerade erst ein halbes Jahr alt.

Als die Welt um ihn in Stress versinkt, er viele Menschen nur mehr selten sieht. Weihnachten würden es alle anderen nennen. Doch für Timi ist all das unverständlich. Das Fest der Geburt eines kleinen Kindes. Zu früh wäre es, um ihm alles zu erklären. Für ihn soll das Weihnachtsfest eine Überraschung sein.

Alle finden sich ein, bei Timis Urgroßmutter. Wie jedes Jahr feiert die ganze Familie dieses Fest gemeinsam. Das Christkind hat auch einige Päckchen für Timi unter den Baum gelegt. Als endlich Bescherung stattfindet, leuchten seine Augen. Die vielen Kerzen, dieser wunderschöne Anblick. Irgendwie kann er alles noch nicht fassen. Und nachdem er sich eher mehr mit den Verpackungen als mit den Geschenken befasst hat, schläft er irgendwann ein. Schließt die Augen und verschläft den Rest des heiligen Abends.

Seine Familie, die Menschen, die er immer um sich hat und die ihn so sehr lieben, haben sich schon einiges für das nächste Weihnachtsfest überlegt. Und haben gesagt, dass alles anders sein wird. Dass es ein viel schöneres Weihnachten ist, mit leuchtenden Kinderaugen und einer glücklichen Familie. Weit weg waren all diese belanglosen Weihnachtsfeste, an denen alles wie geplant, wie streng fixiert ablief. Dieses Jahr würde Weihnachten anders werden, träumten sie.

Und dann hebt Timi plötzlich mit diesem, seinen Engel ab. Und findet den Weg zurück nicht mehr. Freut sich über seine Flügel und fliegt herum. Er selbst ist ein Engel geworden. Nun ist er nicht mehr dieser lebendige, lebenslustige kleine Engel auf Erden. Er spielt nun im Himmel. Und manchmal verliert er auch Gedanken, an all die Menschen, die ihn lieben.

Plötzlich steht das Weihnachtsfest wirklich vor der Tür. Seine Familie gibt zu, dass alles anders ist. Aber anders als gedacht. Zwei leuchtende Augen fehlen. Ein Mensch fehlt. Weihnachten wird nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. Statt Lachen und Freude, werden Tränen erscheinen. Tränen, die mehr als begründet sind. Man feiert die Geburt eines kleinen Kindes. Und fühlt den Schmerz um den Verlust des eigenen. Nichts ist so, wie es sein sollte. Und doch ist es.

Und manchmal blickt Timi herab. Sieht diese, seine Menschen, wie der Stress an ihnen vorüberzieht. Sieht, wie traurig alle sind. Es gibt sogar Momente, an denen er sich zurückwünscht. Und dann taucht er auch in den Träumen mit auf. Nur um seinen Lieben zu zeigen, dass es ihm gut geht. Ihnen hingegen geht es nicht gut. Und das Fest ist dieses Jahr wirklich anders. Anders als all die Jahre zuvor. Anders als gedacht.

… und die Begegnung mit dem Engel

22. November 2007 by just4ikarus

Timi öffnet die Augen. Er erschrickt, so überraschend erscheint dieses Wesen in seinem Blickfeld. Ein Engel. Sein Schutzengel.

Viel zu früh ist Timi aufgewacht und hat den Schutzengel erwischt, als er die Nacht über an seinem Bett wachte. Er versteht nicht ganz, wer oder was dieses Wesen nun ist. “Wer bist du?”, fragt er. Ich bin dein Engel. Dein ganz persönlicher Engel. “Ein Engel? Was ist das?” Wenn Menschen sterben, dann sind sie nicht einfach so tot. Etwas besteht weiter. Die Seele. Und aus ihr formt sich anschließend der Körper, den man von diesem Zeitpunkt an als Hülle seines Innersten trägt. Timi ist verwirrt. “Sterben?”

Der Engel lacht. Er erfreut sich über die kindliche Leichtigkeit des Seins, wenn Tod und Verlust noch nicht Bestand des Lebens sind. Wenn jemand stirbt, hört das Herz dieses einen Menschen auf zu schlagen. Das Leben, so wie wir es kennen, geht zu Ende. All die Menschen um uns herum weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben. Das ist Sterben. Das ist der Tod. Timi nickt. Er scheint zu verstehen. Er hatte sich wahrlich noch nie Gedanken über den Tod oder das Leben, oder über Gott und die Welt gemacht. Er lebt in den Tag hinein und verbreitet überall seinen Sonnenschein.

“Wie kann man ein Engel werden? Muss man erst sterben, um in einer solchen prachtvollen Hülle weiterzuleben?”, will Timi wissen. Der Engel streicht ihm über sein goldenes, flaumiges Haar. Nein. Es gibt auch Engel auf Erden. Du bist ein solcher Engel. Timi lacht. Er kann sich das nicht vorstellen, macht er doch einfach nichts anderes, als sein Leben mit all der Freude und der Angst, mit all dem Lächeln und den Tränen zu leben. All die Menschen, die du liebst, spüren es. Und für sie bist du der größte Engel auf Erden. Timis Augen leuchten. Der Gedanke daran erfreut ihn.

“Legst du dich zu mir, mein Engel?”, bittet Timi seinen Engel. Und irgendwann, spät Nachts, Timis Mutter schläft schon, schlafen auch die Beiden ein. Leuchtende Wesen. Zwei Engel in einem Bett. Als Timis Mutter am nächsten Morgen nach ihm sieht, ist Timis Engel immer noch da. Nur Timi selbst. Er ist gestorben. Seine Seele hat bereits seinen Körper verlassen. Im Paradies, am anderen Ende des Regenbogens, irgendwo an der leuchtenderen Seite, formt sich gerade sein neues Wesen. Timi ist ein Engel geworden. Nur seine Familie und seine Freunde blieben zurück. Weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben.

… und die Angst dazwischen

17. Oktober 2007 by just4ikarus

Mit deinen kleinen Füßen tappst du viel zu schnell über den Boden, der dir den Halt gibt. Egal ob du liegst oder fällst, kniest oder läufst. Der Boden gibt dir festen Untergrund. Und jetzt sehe ich dich an. Und ich sehe, dass nicht alles in denem Leben so wunderbar abläuft, wie du es mit deinem Lächeln mit weismachen willst. Du bist nur viel zu klein, um zu verstehen, wie die Welt da draußen aussieht. Bitte bleibe noch lange genug so klein. Laufe mit offenen augen und gespitzten Ohren durch die Welt, damit du ja alles früh genug entdeckst, ausprobierst und es dir in den Mund steckst.

Aber es gibt Momente, in denen ich wünschte, du wärst nicht hier. Du wärst nicht im gleichen Raum mit all den anderen Menschen. Wenn sie sich anschreien. Und sich Dinge an den Kopf werfen, die sie teilweise leider ehrlich so meinen. Und du dich in keinster Weise auskennst, dein Gesicht verziehst, und kurz davor stehst, zu Weinen anzufangen. Da wünschte ich mir, dass du all das nie miterleben müsstest. Nicht so oft, nicht in einem solchen Ausma0, wie schon ich selbst es erlebt habe. Du hast dir etwas Besseres verdient. Ein besseres Leben, als all das, was mein Leben auszeichnet.

Und deswegen schnappe ich dich in solchen Momenten, und trage dich in dein Lieblingszimmer. Das Zimmer deiner Großeltern. Und während ich von den Impressionen des Streites noch viel zu aufgewühlt bin, stapfst du schon wieder durch dieses Zimmer, als wäre alles nur ein Spaß gewesen. Wenn du nur wüsstest, dass die wahre Welt wirklich so aussieht. Dass dies keine Ausnahme ist. Sondern manchmal zu bitterem Alltag verkommt. Ich möchte dir ein Leben bieten, wie ich es immer haben wollte. Du solst es schön haben, in deinem Leben. Selbst wenn du kilometerweit entfernt mit deiner Mutter in dieser Wohnung wohnst. Ich werde auf dich aufpassen. So gut ich kann, das verspreche ich.

Aber ich bitte dich noch einmal. Behalte dir deine kindliche Unwissenheit. und verliere nie dein Lächeln. Das selbst meine schlimmsten Erlebnisse wegwischt, wie die Tränen, die deine Augen schmücken. Du sollst nie mehr dazwischen sitzen, voll Angst. Nein. Du nicht. All deine Energie und dein Lächeln verschwindet so schnell aus deinem Gesicht. Und gerade das darf nicht passieren. Lass die Zeit nicht davonlaufen. Bleib so klein, so zart, so … wie du bist.

… und die verlorene Zeit

14. Oktober 2007 by just4ikarus

Langsam öffnet Timi seine müden kleinen Augen. Ihm ist kalt, obwohl er bis zur Nase mit dieser riesigen Bettdecke zugedeckt ist. Und obwohl er nun mit offenen Augen umher blickt, sieht er nichts. Es ist noch viel zu früh, die Nacht hatte sich noch nicht verabschiedet. Doch als er sich, scheinbar reflexartig, die Sandkörnchen aus den Augen wischen will, die das Sandmännchen heute Abend über ihm verloren hatte, spürt er nichts. Hat er etwa noch nicht geschlafen? Er kann es sich nicht erklären, dreht sich aber einfach um, und versucht wieder zu schlafen.

Doch plötzlich schreckt er hoch. Hat er da gerade etwas gehört. Und als Timi seine kleinen Ohren zu spitzen versucht, hört er es schon wieder. Eine Stimme, als würde sie gegen einen Polster sprechen. Ein Murmeln. Nein. Es sind Hilfeschreie.

Hilfe! Hilf mir, Timi!“

Wer spricht da?“, fragt Timi, in die Dunkelheit blickend und sich fragend, woher dieses unbekannte Wesen seinen Namen wusste. Als er endlich den Knopf findet, mit dem er seine Lampe einschalten kann, kann er auch sehen, von wo diese Hilferufe kamen. Zwar kann er es anfangs nicht glauben. Doch sein Wecker, ja, sein Wecker spricht zu ihm.

Ähm. Was ist denn los?“ Timi ist ratlos. „Hilf mir, Timi! Man hat uns die Zeit gestohlen.“ - „Aber das geht doch gar nicht.“, meint Timi. Was ist das auch nur für ein alberner Gedanke. Eine gestohlene Zeit. „Doch, glaube es mir. Wer sollte es besser wissen, als ich. Ich weiß immer genau, wie spät es ist.“

Na dann sag mir doch mal die Uhrzeit, lieber Wecker“ - „Das ist es ja, Timi. Ich kann es nicht. Ich kann nichts mehr. Die Zeiger drehen sich am Tage nur mehr ganz eilig rund um meinen Mittelpunkt herum. Ich kann sie nicht aufhalten.“ Und nachdem sich Timi ein weiteres Mal mit der Hand die Augen ausknubbelt, kann auch er es sehen.

Und was heißt das? Was passiert denn jetzt mit uns?“ „Verstehst du nicht? Die Zeit läuft. Tage werden zu Minuten, Jahre zu Stunden. Wir alle werden viel schneller älter. Und verlieren so viel von unserem Leben.“ Und während Timi noch länger darüber nachdenkt, findet auch er diese Vorstellung schrecklich. „Aber da muss man doch noch etwas machen können, oder? Lieber Wecker, so sag mir doch, wie ich das alles aufhalten kann!“

Ich weiß es doch auch nicht. Ich hör dich nur jeden Abend mit dir selbst reden, wie toll es wäre, größer zu sein. Viel älter. Wenn du das und das machen könntest. Und dabei vergisst du, wie toll dein jetziges Leben ist. Mach dir keinen Stress. Bleib lieber noch länger klein. Lass dir von niemandem einreden, du wärst zu klein für irgendetwas. Diese Menschen sind einzig und allein nur schon viel zu groß, um überhaupt richtig leben zu können.“

Aber Timi ist schon viel zu müde. Selbst diese ganze Aufregung hält nicht länger wach. Er hört zwar noch die Worte, aber seine Augen sind schon wieder geschlossen, und das Sandmännchen kommt ein zweites Mal in dieser Nacht zu unserem kleinen Timi.

Doch als er am nächsten Tag aufwacht, kitzelt die Sonne ihn schon an der Nase. Und während er sich aufrichtet und über diesen verrückten Traum der letzten Nacht lachen will, blickt er auf den Wecker. Die Zeiger stehen still.